MonteMigra

Monte macht Kinder froh und Erwachsene ebenso


„Die bunte Vielfalt für Groß und Klein“ heißt es auf der Homepage des bekanntesten deutschen Herstellers für Fruchtgummi und Lakritz. Bunt und vielfältig ist auch das neue Projekt von Zuflucht Oberland e.V., das im nächsten Jahr starten wird.
Bewegliche Buchstaben, Legespiele für An- und Umlaute, Tagesketten mit Zeitangaben, Lesedosen und Lernsterne, all das erkenne ich wieder als wir uns mit „den Loorbachers“ in der Praxis für Montessori Pädagogik in der Schützenstraße treffen – einen Steinwurf von meinem Homeoffice entfernt. Wir werden schnell mit einander „warm“ und stellen erleichtert fest, dass wir unser Vorhaben hier weder erklären noch unser Gegenüber überzeugen müssen. „Wir sind angekommen“, denke ich im Stillen und freue mich.


Ausgehend von unseren Erfahrungen mit ikoF (Interkulturelle Kontakt und Kommunikationsstelle für
Frauen) wollen wir auf der Grundlage der Montessoripädagogik eine Sprachwerkstatt mit und für
Migrantinnen in Weilheim aufbauen. „Im ersten ikoF-Jahr konnten wir unseren Blick für die
geschlechtsspezifischen Integrationsbedarfe der Frauen noch einmal schärfen, erklärt Frau Noder
und ergänzt, „der Vorstand hat dann entschieden die Sprachförderung ganz oben auf die Agenda zu
setzen.“ Durch den Weltgebetstag der Frauen haben wir Mitte Dezember Gott sei Dank die
Bewilligung für unserer neues Projekt erhalten.


Warum noch einen Sprachkurs in Weilheim und warum nur für Frauen? „Hierfür gibt es viele und
vielschichtige Gründe“, sagt Frau Noder. Ein wichtiger Grund ist, dass Frauen – anders als ihre
Ehemänner – für die Dauer der Teilnahme an einem Integrationskurs nicht von der Familienarbeit
entpflichtet sind; sich gleichzeitig die Öffnungs- und Schließzeiten der Kindertageseinrichtungen und
Schulen aber nicht nach den Zeiten der Kursanbieter richten. Da es keinen Bring-, Hol- und
Betreuungsservice für teilnehmende Mütter an Sprachkursen gibt, wird es organisatorisch für Frauen
oft schwierig. „Nahezu unmöglich ist eine Kursteilnahme, wenn kleinere Geschwisterkinder
unterschiedliche Schulen oder Tageseinrichtungen besuchen“ führt Frau Noder aus und ergänzt, dass
„die meisten Frauen zu Fuß unterwegs sind, die langen Wegzeiten schlussendlich oft zum Co-
Kriterium werden.“

„Selbst Frauen aus Familien, die 2015 migriert sind, haben bei ikoF Schwierigkeiten sich zu
verständigen“, sagt Frau Noder. Aufgrund ihrer Bindung an das Haus und die Familienarbeit konnten
sie die erworbenen Kompetenzen weder anwenden, vertiefen noch stabilisieren. Vielen ihrer
Ehemänner ist dies jedoch mit dem „Fuß fassen“ in der Erwerbsarbeitswelt gelungen. Deshalb ist es
wichtig, für Migrantinnen lokale Strukturen zu etabliert, wo sie informelle und genderorientierte
Angebote nutzen können, um Deutsch zu lernen und zu sprechen. Deshalb bietet sich die weitere
Kooperation mit dem Begegnungszentrum von Asyl im Oberland Weilheim für die neue
Sprachwerkstatt von Zuflucht Oberland e.V. sehr gut an.

Bleibt die Frage, warum ausgerechnet eine Sprachwerkstatt, die sich methodisch an der Pädagogik
von Maria Montessori ausrichtet? Ist das nicht eher was für Kinder? Nein, nicht nur. Montessori
selbst hat z.B. bereits zu Lebzeiten ihre Methode für die Alphabetisierung von Arbeiterinnen
verwendet. Heute wird ihre Pädagogik im Erwachsenenbereich u.a. in der geriatrischen Arbeit mit
Demenzerkrankten eingesetzt.

Last and least hat Maria Montessori sich sehr stark für die internationale historische
Frauenbewegung um die Wende des 19. Jahrhunderts engagiert, insbesondere im Bereich des
Wahlrechts, der Sexualaufklärung und der Bildung von Arbeiterinnen ( s.o.). Dieses nicht
unwesentliche Detail ihrer Persönlichkeit ist leider in der Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt - selbst
bei vielen PraktikerInnen. Für die genderorientierte Sprachwerkstatt von Zuflucht e. V. steuert
Montessori deshalb nicht nur die Pädagogik bei, sondern ist mit ihrem ganzen Leben überzeugendes
Vorbild für die Teilnehmerinnen.

Aufgrund von Corona wird die Sprachwerkstatt voraussichtlich erst im April 2021 starten. Es gibt
noch freie Plätze - auch für Frauen ohne Migrationshintergrund. Melden Sie sich ggfs. gerne
unter claudia.noder@zuflucht-oberland.de (Vorstand Zuflucht e.V.)


PS: Der Vorstand von Zuflucht e. V. sucht derzeit einen Förderer für eine mobile online Ausstattung von
12 - 15 Lernplätzen und freut sich sehr über Ideen oder Hinweise. Melden Sie sich gerne
unter info@zuflucht-oberland.de